Aggression
Ein Hund wird als aggressiv bezeichnet, wenn er sich in einem besonderen reaktionellen Zustand befindet, in welchem er mit höherer Wahrscheinlichkeit mit Aggression reagieren wird. Es kann sich um physiologische Situationen handeln, zum Beispiel bei einem Rüden, wenn eine Hündin läufig ist, aber auch um pathologische, wie bei krankhaften Angstzuständen oder anderen psychischen Störungen.
In der Ethologie (Verhaltenslehre) umfasst der Begriff Aggression sowohl das Drohen als auch die Beeinträchtigung der physischen Unversehrtheit oder der Bewegungsfreiheit eines anderen Individuums (oder Tieres). Aggression ist aber auch jedes Verhalten, dessen Resultat die soziale oder räumliche Distanzierung von einem anderen Individuum ist, auch wenn dabei keine physischen Schäden entstehen. Es gibt physiologische und pathologische Aggressionen.
Die physiologische Aggression gehört zum normalem Verhalten von Mensch und Tier und hat eine bestimmte Funktion. Es gibt mehrere Aggressionsformen, und fast jede zeigt eine normale Sequenz von Droh-, Angriffs-, Beruhigungs- und refraktärer Phase. Je nach Autor unterscheidet man zum Beispiel :
a)
die Beuteaggression, in der Jagdsituation, um die Beute zu fangen und zu töten; die Beuteaggression kann gegen den Menschen gerichtet sein, wenn der Hund an Menschen nicht sozialisiert worden ist; die Sozialisierung ist die beste Prävention gegen solche Aggression.
b)
die rangordnungsbezogene Aggression, zur Erreichung und Behauptung der sozialen Stellung im Rudel. Diese Aggressionsform kann auch gegen den Menschen gerichtet sein, weil der Mensch vom Hund als Mitglied des Rudels betrachtet und behandelt wird.
c)
Die Selbst-Verteidigungsaggressionen; dabei unterscheidet man
- die Angstaggression, um Feinde auf Distanz zu halten oder um das, was die Angst auslöst zu vertreiben, kommt in kritischen Situationen vor;
- die mütterliche Aggression, um die Jungen zu verteidigen, kommt bei säugenden und scheinträchtigen Hündinnen vor;
- die Territorialaggression, um das Territorium zu verteidigen,
- die Reizaggression, die in Folge von Schmerz, Frustration, Mangel, anhaltendem physischem Kontakt oder organischen Störungen vorkommt.
Die pathologischen Aggressionen sind hauptsächlich die Hyperaggressionen; gewisse Autoren zählen auch die durch den Menschen gelehrten Aggressionen dazu. Die Hyperaggressionen sind desorganisierte Aggressionen, die keine normalen Sequenzen mehr zeigen. Die Drohphase und die Beruhigungsphase werden kürzer und verschwinden sogar, der Angriff wird weniger bis nicht mehr kontrolliert. Der Hund beisst und hält; er zeigt wenig bis keine Beisshemmung mehr. Die Hunde, die solche Aggressionen zeigen, sind hochgefährlich. Bei der durch den Menschen gelehrten Aggression bringt man dem Hund bei, auf Befehl einen gegen Verletzung geschützten Menschen oder einen Ärmel anzugreifen. In gewissen Fällen wird der Hund gelehrt, auf Befehl den Ärmel loszulassen (Schutzhunde); in anderen Fällen nicht (gewisse Diensthunde, Kampfhunde). Diese Art von Aggression bringt drei ernsthafte Probleme:
a)
Durch den Verwendungszweck wird der Hund als „Waffe" genützt. Es stellt sich hier sicher die Frage, wer solche „Waffen" halten und brauchen darf, und wo und wie solche „Waffen" gehalten werden sollen.
b)
In gewissen Fällen wird dem Hund durch zweifelhafte Methoden beigebracht, einen Biss zu halten, d.h. seine Beisshemmung und Selbstkontrolle zu verlieren. Ein solches Verfahren widerspricht allen Prinzipien der tiergerechten Haltung und allen Präventionsmaßnahmen, die aktuell gefordert werden.
c)
In der Gesellschaft bestehen völlig widersprüchliche Vorstellungen und Wünsche: einerseits möchte man nicht von Hunden bedroht oder gebissen werden, anderseits aber von Hunden geschützt werden. Den „Allzweck"-Hund gibt es aber nicht. Aggressionsverhalten ist das Ergebnis der Auswirkung von Erbgut und Umwelt. Umweltbezogene Faktoren sind u.a. biologische (Infektion, Intoxikation), oekosystemische (nicht tiergerechte Haltung, ungenügende Nahrung, hypostimulierende Umgebung, , schlechte Behandlung), soziale (Abwesenheit der Mutter, zu grosse Wurfe (>5)), erziehungsbezogene (Dressur, zu grosse Toleranz, harte Erziehung) und auch systemische Faktoren (Kommunikations-, Rangordnungsprobleme).
Der erbliche Anteil kann durch streng standardisierte Zuchtbedingungen sichtbar gemacht werden, was nur in der Forschung durchführbar ist. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass das soziale Potential innerhalb einer Rasse stark variieren kann; es gibt signifikante wurfspezifische Unterschiede. Keine wissenschaftliche Studien haben bisher bewiesen, dass gewisse Rassen ein höheres Aggressionspotential als andere zeigen.
Die Verhaltens-Tests, die beim Hund in der Praxis gebraucht werden, erlauben uns aber nur Aussagen über das äussere Erscheinungsbild (den Phänotyp) des Hundes. Verhaltens-Tests sind standardisierte experimentelle Verhältnisse, wo bestimmte Verhaltensmuster provoziert sind, die dann mit jenen von anderen Hunden, die den gleichen Verhältnissen ausgesetzt worden sind, oder mit vorherigen Ergebnissen beim Testhund, oder mit dessen Vorgeschichte verglichen und beurteilt werden. Ein qualitativ als gut zu betrachtender Test muss vier wichtige Bedingungen erfühlen, er muss:
a)
standardisierbar sein (gleiche Test-Bedingungen), um Vergleiche zu erlauben;
b)
reproduzierbar sein, so dass beim gleichen Individuum gleiche Ergebnisse auftreten, wenn der Test ein zweites Mal oder durch eine andere Testperson durchgeführt wird;
c)
empfindlich sein, so dass die kleinen Unterschiede zwischen Individuen zum Vorschein kommen;
d)
validierbar sein, dass heisst er muss etwas effektiv beweisen.
Tests für erwachsene Hunde. Was das Aggressionsverhalten anbelangt, gibt es heute einen einzigen Test, der die obgenannten vier Bedingungen erfüllt; es handelt sich um einen Test, der von Doreen Planta, einer Biologin aus den Niederlanden, ausgearbeitet worden ist. Er dauert ungefähr 50 Minuten und enthält 43 Untertests, die in einem besonderen Raum und mit mehreren Mitarbeitenden durchzuführen sind. Es ist schwierig, diesen Test in grossem Masse einzusetzen. Der in Niedersachsen eingesetzte Wesenstest ist unseres Wissens noch nicht validiert worden.
Einfachere Beurteilungen, die aber die Mitarbeit des Besitzers verlangen, sind von Patrick Pageat und von Joël Dehasse, Verhaltenmediziner aus Frankreich und Belgien, erarbeitet worden. Sie erlauben den Tierärzten, die Entwicklung von aggressiven Hunden in der Praxis zu verfolgen. J. Dehasse arbeitet auch an einem Test zur Beurteilung der Gefährlichkeit, der uns erlauben würde, die potentielle Gefährlichkeit eines Hundes in einer bestimmten Umgebung einzuschätzen.
Welpentests. Es ist schwierig und wenig verlässlich, über das Weiterbestehen oder Verschwinden eines Verhaltens, das bei einem Welpen getestet wurde, etwas vorauszusagen. Grund dazu ist unter anderem, dass sich viele Faktoren über die normale Gehirnentwicklung und über Lernvorgänge in dieser Welpenperiode einschalten, dass gewisse Stimmungen sich beim Welpen oder beim erwachsenen Hund anders ausdrücken, ferner auch, dass gewisse Verhaltensmuster im Laufe der Entwicklung eine andere Bedeutung bekommen. Gewisse Welpentests erlauben eher einen Verhaltens-Status zu bestimmen und könnten dazu dienen, die Kontrolle der Zuchtqualität zu unterstützen 6 .
Gefährlichkeit
Die Definition des gefährlichen Hundes kann wie folgt formuliert werden :
Ein Hund ist in einer bestimmten Umgebung als gefährlich zu bezeichnen, wenn er durch sein Verhalten die physische Unversehrtheit oder die Bewegungsfreiheit eines anderen Individuums beeinträchtigt oder zu beeinträchtigen droht. Dabei kann dieses Verhalten sowohl aus normalem (physiologischem), wie auch aus krankhaftem (pathologischem) Aggressionsverhalten bestehen. Von Bedeutung ist auch die Umgebung : die Situation der Begegnung, mögliche Provokationen, die Anwesenheit, Verantwortungsbewusstsein und Kontrollmöglichkeiten des Besitzers.
Nach Joël Dehasse, einem belgischen Verhaltensmediziner, kann nur ein Fachspezialist Aggressionsverhalten beurteilen. Auch wenn die Aggressionssequenzen normal sind, besteht eine Gefahr für die Umgebung, und das Risiko muss durch eine Expertise abgeschätzt werden. Beim Hund müssen u. a. folgende Faktoren berücksichtigt werden: Grösse, Gewicht, Körpermasse (Gewicht x Beschleunigung) oder Impulsivität, Aggressionstyp, Verhaltensentwicklung (Beisshemmung, Selbst- und Bewegungskontrolle, erlerntes Verhalten), Stimmung und Stimmungsschwankungen, Verhaltens- und andere Krankheiten, Stress oder Verletzungen. Die Gefährlichkeit eines Hundes ist also nicht nur an sein Aggressionspotential gebunden.
Bei gefährdeten Personen sind es folgende Faktoren: Grösse und Gewicht des Menschen, die Art der Bewegung (z.B. ruckartige, heftige Bewegung), die Kenntnisse der Hundesprache, die Vorstellungen, die der Person über den Hund hat. Faktoren, die aus der Haltung des Hundes erwachsen, sollten nicht vergessen werden : schlechte Behandlung des Hundes, ungenügende Bewegung oder ungenügende Nahrung können die Aggressivität des Hundes steigern.
Die Beurteilung der Gefährlichkeit eines Hundes wird umso unzuverlässiger und ungenauer, je weniger über diese Faktoren bekannt ist.
Conclusion
Die Aggression alleine bedeutet nicht viel : alle Faktoren müssen berücksichtigt werden, und die Aggression muss wieder in den Kontext gestellt werden. Die Beurteilung von Aggressionsverhalten eines Hundes gegenüber Menschen braucht eine Diagnose und eine Prognose, und die Beurteilung der Gefährlichkeit setzt Spezialwissen voraus. 80% der Bissverletzungen entstehen durch dem Opfer bekannte Hunde (Familienhund, Nachbarhund)4; mehr als 60% der Opfern sind Kindern. Die innerhalb der Familie und Freundeskreis entstehenden Unfälle werden aber in der Regel als Kavaliersdelikt betrachtet. Wenn wir das Publikum wirksam gegen Hundebissverletzungen schützen wollen, müssen wir die Augen öffnen für das echte Problem, das heisst für den versteckten Teil des Eisbergs. |