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  • Vom Kangal bis zum Kuvasz - Herdenschutzhunde/Rasseporträt
    Von Cornelia Baumsteiger

    Herdenschutzhunde ist der Oberbegriff für einen sehr alten Hundetyp, der für die Bewachung von Viehherden, aber auch als Wächter für Haus und Hof gezüchtet wurde. In vielen Heimatländern wird er auch heute noch ausschließlich für diesen Zweck gebraucht. Bereits auf babylonischen Darstellungen sieht man riesige Hunde mit dem typisch kräftigen Kopf.

    Bei der Zucht wurde allerdings kein Wert auf optische Rassemerkmale gelegt, sondern es galt, die Tugenden der mutigen Wächter zu vererben. Bei sehr unterschiedlichem Aussehen ist allen Rassen gemeinsam: Sie sind sehr groß, kräftig und widerstandsfähig; sie sind gewohnt, selbständig zu arbeiten, haben einen starken Territorial- und Wachinstinkt und einen geringen Spieltrieb. Gemeinsam auch stehen sie in Nordrhein-Westfalen auf Liste zwei der Landeshundeverordnung. Das heißt unter anderem: Es besteht Maulkorbpflicht; für Kenner der Hunde völlig unverständlich.

    Peter Dubas von der Union türkischer Hirtenhunde stört sich auch deshalb an der Bezeichnung Herdenschutzhunde. Er zieht die einfache Kennzeichnung Hirtenhund vor, denn auch Herdenschutzhunde sind Hunde des Hirten und keinesfalls aggressive Tiere, die Mensch und Tier bedrohen. Wie Günther Bloch, der Herdenschutzhunde aus verschiedenen eigenen Studien kennt, betont, ist es nicht die Aufgabe dieser Tiere, bei möglicher Bedrohung der Herden durch Tier oder Mensch sofort anzugreifen. Sie sollen vielmehr durch ihre imposante Präsenz, durch Verbellen und andere abschreckende Maßnahmen das Jagdverhalten von wilden Hunden, Wölfen oder selbst Bären unterbrechen. Das gleiche gilt für menschliche Viehdiebe. Ein direkter Kontakt, also Kampf, ist äußerst selten. Deshalb kann aus der Wachaufgabe der Herdenschutzhunde nicht abgeleitet werden, dass sie gefährlich seien. Phantastische Geschichten über todesmutige Kämpfe dieser Hunde mit Löwen und Bären vergleicht Günther Bloch mit Jägerlatein.

    Herdenschutzhunde werden aus ihren Ursprungsländern nach Deutschland eingeführt oder seit einiger Zeit auch hier gezüchtet. Dabei ist in der Regel der Unterschied der, dass Tiere aus den Heimatländern auf ihre Aufgabe als Herdenschutzhund geprägt sind. Sie eignen sich für ein Leben in Deutschland schlechter als Hunde, die hier aufgezogen und von Welpe an auf Menschen, Artgenossen und Alltagsstress sozialisiert wurden. Es ist ratsam, nur bei solchen Züchtern zu kaufen, die ihre Hunde tatsächlich mit engem Familienanschluss aufziehen.

    Herdenschutzhunde sind in Deutschland noch selten. Zu den bekannteren zählen ungarische Kuvasz, der Pyrenäenberghund und die russischen und polnischen Owtscharkas. Viel von sich reden gemacht hat in letzter Zeit der türkische Kangal. Er stammt aus Anatolien und trägt den Namen einer adligen Züchterfamilie, der Agas von Kangal. Sein volkstümlicher Name, Karabash, heißt einfach Schwarzkopf. Er gilt dem FCI (Fédération Cynologique Internationale) nicht als eigenständige Rasse. Dort fasst man vielmehr die verschiedenen türkischen Herdenschutzhunde unter dem Namen „Anatolischer Hirtenhund“ zusammen.

    Neben dem Kangal kennt man seinen etwas langhaarigeren und schlankeren Bruder, den Akbasch, Weißkopf. Obwohl es inzwischen in der Türkei verboten ist, Kangals auszuführen, werden diese Hunde immer wieder sowohl von unwissenden Touristen als auch von Händlern oder Menschen mitgebracht, die in Deutschland eine Hobbyzucht aufbauen wollen.

    Kangalrüden werden 80 Zentimeter hoch und größer und erreichen ein Gewicht von über 60 Kilogramm. Sie sind erst mit vier Jahren richtig ausgewachsen. Man sagt, Kangals verlieben sich nur ein Mal. Es ist jedenfalls sehr schwierig, sie von einem Besitzer und dessen Territorium zu einem anderen zu vermitteln.

    Auch für Kangals gilt: In Deutschland von seriösen Liebhabern gezüchtete Tiere lassen sich wesentlich leichter führen als Importe aus der Türkei. Gute Züchter achten zudem darauf, dass ihre Hunde tatsächlich nur an solche Menschen gehen, die auch wirklich die richtigen Bedingungen bieten, sowohl im Bezug auf die Unterbringung als auch auf die zukünftige Aufgabe der Tiere und das Verständnis für den besonderen Charakter. Nur wenn der Herdenschutzhund in ein passendes Umfeld vermittelt wird, ist er ein freundlicher, zuverlässiger Familien- und Begleithund. Er darf niemals mit Gewalt erzogen oder gar dressiert werden, er darf nie in einem Zwinger eingesperrt leben, er passt nicht in eine Wohnung oder ein kleines Reihenhaus.

    Der zukünftige Besitzer braucht verständnisvolle Nachbarn, denn die Stimme des Kangal und verwandter Rassen ist überaus laut; er muss einen selbständigen Hund tolerieren, der in Ruhe seinem eigenen Instinkt folgt; er muss mit sanfter, aber deutlicher Autorität den Hund führen statt beherrschen. Herdenschutzhunde stellen an ihre Besitzer hohe Anforderungen. Wenn die Beziehung schief geht, wenn zwischen Herr und Hund deutliche Missverständnisse entstehen, kann das für den Halter gefährlich werden. Gerade Kangals, die schon böse gebissen haben, leiden in Tierheimen.

    Der optische Eindruck der Herdenschutzhunde verleitet zu Missverständnissen. Sie sehen eher harmlos aus, wie riesige Teddybären oder überdimensionale Golden Retriever. Sie können durchaus freundlich sein und ihr ganzes Leben lang so bleiben. Aber sie sind weder als Kinderspielzeug oder Schmusebär geeignet noch als angebundener Wachhund ohne Menschenkontakt und schon gar nicht als Schaustück für Angeber. Sie sind auch nicht, wie immer wieder behauptet, die neuen Kampfhunde. Ihr Charakter eignet sich nicht für einen Kampf in der „pit“ (engl. für kleine hölzerne Arenen oder Gruben, woher auch der Pitbull seinen Namen hat). Allen Herdenschutzhunden steht dazu ihre Eigenständigkeit im Wege - sie entscheiden selber und greifen nur an, wenn sie es für nötig halten - und ihr mangelnder Spieltrieb. Sie sind aber alle besonders groß und kräftig und richten, wenn sie sich gegen Mensch oder Tier wenden, großen Schaden an.



    Wer vorhat, mit einem Herdenschutzhund zu leben, der sollte sich unbedingt mit geeigneter Literatur befassen und sich Rat bei Experten holen.

    Kontaktadressen:
    • Union Türkischer Hirtenhunde e.V.
      2. Vorsitzende: Hannelore Maiworm
      Raffenberg 11-13
      45529 Hattingen
      Tel. (0 23 24) 20 07-13
      Fax (0 23 24) 20 07-15
      E-Mail: hanne-maiworm@online.de
    • Elisabeth von Buchwaldt
      Hamburg
      Rassebetreuerin Kangals
      Tel. (040) 86 98 36
    • Klub für Ungarische Hirtenhunde e.V. 1922
      ältester zuchtbuchführender Verein für die Rassen
      Kuvasz, Komondor, Puli, Pumi, Mudi,
      Pyrenäenberghund und Bergamasker

      Geschäftsstelle und Welpenvermittlung:
      Ingrid Weininger
      Hohenklingenstr. 7
      81375 München
      Tel./Fax (0 89) 71 29 51
      Internet: www.kfuh.de
      E-Mail: weininger@t-online.de

      Kostenlose Information und Welpenvermittlung:
      Elfriede Ricklefs
      Intscheder Str. 48
      28277 Bremen
      Tel. (04 21) 82 06 74
      Fax (04 21) 82 42 35
    • Hunde-Farm „Eifel“
      Hundeschule und Tier-Pension
      Inh. Angelika Lanzerath - Daniela Sommerfeld GbR
      Von-Goltstein-Str. 1
      53902 Bad Münstereifel-Mahlberg
      Tel. (0 22 57) 74 41
      Fax (0 22 57) 95 26 60


    Literatur:

    • Thomas A Schoke
      Herdenschutzhunde
      Eigenschaften, Fähigkeiten, Wesen, Verhalten
      Parey bei Blackwell, 2000
      ISBN 3-8263-8523-3
      Preis: 98 Mark
    • Roswita Hirsch-Reiter
      Hirtenhunde
      Wächter und Beschützer der Herden
      MIRAMONTE, 1998
      ISBN 3-901558-04-7
      Preis: 68 Mark
    • Dierk Eisenschmidt
      Ungarische Hirtenhunde - einschliesslich Pyrenäen-Berghunde
      Praktische Ratschläge für Haltung, Pflege und Erziehung
      Parey bei Blackwell, 1995
      ISBN 3-8263-8094-0
      Preis: 22 Mark


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