Wir sind in die Stadt gefahren, um dich abzuholen - nennen wir dich Nobuddy, denn eigentlich spielt dein Name keine Rolle. Du sollst ein Zuhause bekommen, endlich nach so langer Zeit. Du stehst vor mir und ich bin irritiert - du siehst anders aus, muskulös, sehr massig und ein großer runder Schädel. Irgendetwas an dir gefällt mir schon auf den ersten Blick nicht, obwohl ich es nicht beschreiben könnte.
Wir lernen dich ein bißchen kennen und du gefällst mir immer weniger. Du bist unruhig, springst von einem zum anderen, bleibst bei keinem länger sitzen. Für einen kurzen Moment spüre ich plötzlich deine Zähne um meine Nase und mein Kinn. "Ja, ja er ist etwas ungestüm beim Küssen". Küssen? Da war keine warme feuchte Schlabberzunge, da war nur der Druck von Zähnen...
Der nächste kommt nicht ganz so gut weg - dein Kopf schießt hoch und eine Männerlippe hat ein blutendes Loch. "Mit Männern kann er nicht so". Der Gedanke, dich einfach so auf den Beifahrersitz zu setzen und dich viele Autobahnkilometer weit in dein neues Zuhause zu bringen, behagt mir immer weniger. Ich spüre, dass ich dir nicht traue. Gleichzeitig kommt mein Mitleid hoch, wir wissen ja, dass es dir nicht gut ergangen ist... das Leben war nicht nett zu dir.
Dennoch - ich lasse dich nicht einfach einsteigen. Kennenlernenspaziergang mit meiner Hündin. Nichts böses ahnend klettert sie aus dem Auto. Im nächsten Moment schon fällst du über sie her, erwischst sie aber nur noch von hinten - ihre Fluchtinstinkte sind gut ausgeprägt. Zum Glück bist du wenigstens an der Leine, mußt dich mit ihrer Flanke begnügen. Ein grausiges Schauspiel beginnt - du hast dich festgebissen, zerrst und schüttelst. Wie lang können Minuten sein... Du bist kein Hund mehr, du bist ein Killer. Eine Hand krallt sich in deinen Lefzen und in deiner Nase fest, Blut fließt; ein Fuß tritt nach deinem Kiefer - irgendwann läßt du doch los.
Die Hündin ist frei, schüttelt sich, weißer Schaum fliegt und fließt in Strömen aus ihrem Maul. Die Spuren deines Tuns kann man in ihrem Fell erkennen, aber kein Blut ist zu sehen. Sie zittert und sucht Schutz bei mir. Du stehst da, völlig ruhig und gelassen, bist dir keiner Schuld bewusst; Blut fließt über deine Nase. Du hechelst nicht mal besonders und lässt dir problemlos den Maulkorb umlegen, von Unruhe keine Spur mehr.
Warst du so unruhig, weil du "Hund" an uns gerochen hast?
Du hast das gelernt, ja Nobuddy? Du hast nur getan, was man dir beigebracht hat, nicht wahr? Vielleicht haben wir dich auch nur deshalb wieder von meiner Hündin runterbekommen?
Mit Unschuldsaugen blickst du uns an - die Hand die dich verletzt hat, den Fuß der dich getreten hat. Tränen laufen, weil du dein Schicksal besiegelt hast. Du gehst deinen letzten Gang, trappelnd auf kurzen Beinen, immer noch mit dieser Unschuld in deinen Augen.
Du wolltest meine Hündin töten, aber ich kann dir nicht böse sein. Du tust mir nur unendlich leid, nicht weil du sterben wirst, sondern weil du so geworden bist.
Du wirst über den Regenbogen gehen, aber du wirst Frieden haben. Frieden vor den Menschen, die dich zu dem gemacht haben, was du warst.
Du sollst gehen dürfen, solange man noch um dich weinen kann. Solange du noch Opfer bist - und nicht wirklich ein Täter.
Komm gut nach hause, Nobuddy ... |